Hochzeitsfotografie oder: Die Quadratur des Kreises

Als ich vor knapp drei Jahren damit begann, meine Fotografie zu professionalisieren und zu verkaufen, träumte ich davon, eines Tages auf Hochzeiten fotografieren zu dürfen. Und wie so oft, es wurde wahr: Be careful what you wish for. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich fotografiere sehr gerne auf Hochzeiten und fühle mich jedes Mal extrem geehrt, wenn ein Brautpaar diesen wohl wichtigsten aller Fotojobs in meine Hände legt. Ich bin vor jeder Hochzeit aufgeregt und kribbelig, kann den großen Tag einerseits kaum erwarten und bin andererseits froh, wenn er dann vorbei ist und alles gut ging.

Die Krux an der Hochzeitsfotografie ist nicht nur, dass man auf den Punkt genau funktionieren muss. Es kommt weniger gut an, wenn man in der Kirche das Jawort verpasst, weil man gerade auf die Empore geklettert war, um die Gäste auf der letzten Bank von oben abzulichten. Noch weniger Freunde macht man sich, wenn man dann durchs Mittelschiff nach vorne zum Altar stürmt und dem Pfarrer vorschlägt, den Part mit dem Ja-Sagen und der Ewigkeit zu wiederholen. Von diesen Momenten, die man nicht verpassen sollte und bei denen auch tunlichst nicht die Kamera klemmen sollte, gibt es viele. Vom Reis- und Brautstraußwurf bis zum finalen Walzer reiht sich ein potenzielles Fettnäpfchen ans andere.

Aber das ist alles gar nicht das Problem, denn mit ein wenig Aufmerksamkeit, Konzentration und Hirn bekommt man das hin. Das Problem ist, dass die Hochzeitsfotografie unglaublich anstrengend, aufreibend und verbrennend ist. Gibt es etwas Anspruchsvolleres, als den schönsten Tag im Leben von zwei Menschen bildlich festzuhalten? Ich brauche immer literweise Adrenalin an so einem Tag, ich kann in der Nacht zuvor nicht schlafen und brauche danach einen Tag, um wieder runterzukommen. Weil ich meinen Job ernst nehme, weil ich perfekte Bilder machen will und weil ich ungefähr 100 Mal an einem Tag nur eine einzige Chance für ein gutes Bild habe. Ständiger Begleiter: Die Angst, dass etwas total daneben geht. Kürzlich erzählte mir ein Businessfoto-Kunde, dass alle (!) seine Hochzeitsfotos mit ISO 1600 aufgenommen wurden. Ein Alptraum! Kann aber passieren, wenn man in einer dunklen Kirche die Lichtempfindlichkeit hochschrauben muss, weil man nicht blitzen darf, und es dann in der Hektik des Gratulantenshootings vergisst, umzustellen. Darf aber nicht passieren. Ich werde mir einen Sticker mit ISO?!? auf mein Display kleben.

Klar, wenn man als Fotograf erstmal zwanzig, dreißig Hochzeiten „gemacht“ hat, wird das Lampenfieber nachlassen und einer gewissen Routine und Lässigkeit Platz machen. Und genau dann werden die Bilder nicht mehr so gut sein. Routine ist beim Fotografieren Balsam für die Seele und Gift für die Ergebnisse. Routiniert aufgenommene Fotos sind perfekt belichtet, gestochen scharf und furchtbar langweilig.

Und die Moral von der Geschichte? Ich werde nicht mehr als vier fünfzehn Hochzeiten pro Jahr fotografieren und mich so lange dem Adrenalinkick aussetzen, bis ich keinen Spaß mehr daran habe oder zu lange brauche, um mich davon zu erholen. Auf keinen Fall will ich zu routiniert werden.

Ich freue mich schon auf übermorgen. Und kann nicht schlafen, weil ich aufgeregt bin.

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