FAQ der Hochzeitsfotografie – Teil I: Warum so wenige Bilder?

Je länger ich in diesem Business – dem der professionellen Hochzeitsfotografie – unterwegs bin, desto mehr merke ich, wie viele Dinge dabei erklärungsbedürftig sind. Ich als Insider setze einiges einfach voraus, aber das ist nicht richtig. Deswegen starte ich heute meine neue Serie: FAQ der Hochzeitsfotografie.

Disclaimer: meine Antworten gelten nicht für alle Hochzeitsfotografen, sondern nur für mich. Die Erfahrung und die Kommunikation mit vielen Kollegen zeigt mir aber, dass ich nicht alleine bin :-).

Teil I: Warum so wenige Bilder?

Auf einer durchschnittlichen Hochzeit bin ich 8 Stunden lang am Fotografieren. Kirche oder Standesamt, Gratulation der Gäste, Sektempfang, Paarfotos, Gruppenfotos, Mädels- und Jungsfotos, Einlagen, Hochzeitstorte, Einlagen, Dekoration, Brautwalzer, Abendessen, Tanz … Im Schnitt mache ich ungefähr 2000 Bilder auf so einer Hochzeit. Mein Brautpaar erhält nach ein paar Tagen die ersten Highlights und nach einigen Wochen die im Vertrag vereinbarte Zahl der Bilder – bei 8 Stunden garantiere ich normalerweise 300 Bilder, in der Realität werden es meistens über 500, je nach Anzahl der Programmpunkte.  Diese Bilder sind ALLE nachbearbeitet. Und zwar alle „basisnachbearbeitet“, d.h. ich wähle den perfekten Bildausschnitt, passe Farbtemperatur, Höhen, Tiefen, Kontrast und Schärfe an. Bei den Schlüsselmotiven gehe ich noch mal detaillierter ans Werk, damit die Haut der Braut perfekt, aber natürlich aussieht, ihre Augen noch mehr glänzen, als sie es eh schon getan haben. Zusätzlich überlege ich mir je nach Bild Varianten, zum Beispiel Schwarzweiß oder einen dezenten Vintage-Look.

Warum müssen die Bilder denn alle bearbeitet werden, sind die denn nicht gut genug aufgenommen?

Als Profifotografin nehme ich meine Bilder im RAW-Modus auf. So ein RAW-Bild ist, wie der Name schon sagt, roh. Anders erklärt: Fotografiere ich JPGs, findet die Basic-Bildbearbeitung in meiner Kamera statt, noch bevor ich das Bild auf dem Display sehe. Die Kamera korrigiert automatisch das, was ich oben beschrieben habe (bis auf den Bildausschnitt). Gleichzeitig wird das Bild komprimiert – ein JPG „fine“ hat ca. 5-7 MB, ein RAW in der höchsten Auflösung 20-30 MB. Feine Sache und weniger Arbeit für mich, könnte man meinen. Na ja. Ich liebe meine Kamera, aber sie ist eine Kamera und kein Mensch mit Sinn für Ästhetik. Sie ist letzten Endes nur ein Computer und kann nur 0 und 1. Oft sind die Ergebnisse gut, aber eben nicht immer. Beispiel: Ich fotografiere mein Brautpaar direkt gegen die tief stehende Sonne. Damit das Bild nicht unterbelichtet ist, korrigiert meine Kamera bei einem JPG automatisch die Belichtung. Nun sieht das Bild auf den ersten Blick ganz gut aus – aber bei näherem Hinsehen sind Brautkleid und Himmel eine plane weiße Fläche. Strukturlos. Der Alptraum jedes Hochzeitsfotografen! Hätte ich das Bild in RAW gemacht, würde ich zwar auf den ersten Blick kaum etwas erkennen, weil Teilbereiche viel zu dunkel wären. Die kann ich aber bei einem RAW gezielt aufhellen, ohne die hellen Strukturen des Kleides dadurch ins Nirvana zu schicken, wie es meine Kamera getan hat. Dabei gibt es keinen Qualitätsverlust.

Post Production oder Bildbearbeitung bei RAWs ist also ein technisches Muss, kein „Schönpinseln“ von Bildern. Vergleich: Das RAW ist der Klotz Holz, aus dem der Bildhauer seine Figur schnitzt, das JPG ist die fertige Figur.

Abgesehen davon kann mein Kunde die RAWs gar nicht ansehen, außer er hat ein Konvertierungsprogramm oder Lightroom. Gefallen würden sie ihm aber nicht. Grundsätzlich gebe ich meine RAWs nicht heraus. Genauso wenig, wie ein Bildhauer einen Holzklotz verkaufen würde, wenn jemand eine Figur bestellt hat.

Warum jetzt nur 500 und nicht alle 2000 Bilder?

Ach so, das wollte ich ja erklären, richtig. Ich bin ja eine kleine Sicherheitsfanatikerin und zum Glück kostet Digitalfotografie nichts etwas weniger als die Sache mit den Filmen früher. Deswegen drücke ich pro Einstellung nicht nur einmal auf den Auslöser, sondern gleich ein paar Mal. Der Autofokus ist schnell mal verrutscht und gerade bei Menschen, die man ja auf Hochzeiten das ein oder andere Mal vor der Linse hat, ist schnell mal ein Auge oder zwei geschlossen, der Mund offen, wenn er es nicht sein soll oder Onkel Alfons läuft durchs Bild. Je mehr Personen auf einem Bild sind, desto häufiger werden Sie mein klick-klick-klick-klick-klick hören. Ganz logisch – die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Foto mit 30 Personen einer die Augen zu hat, während ich auslöse, ist 30-mal höher, als wenn ich nur eine Person fotografiere. Ich zähle übrigens nicht mit, sondern mache das automatisch. Kostet ja nix nur meine Zeit, wenn ich nachher die Fotos sichte, und das ist mir lieber, als wenn Onkel Alfons auf dem Gruppenbild gerade in der Nase popelt.

Es gibt also von jeder Einstellung 2 bis 50, im Schnitt ca. 4 Fotos. Davon nehme ich jeweils nur das beste. Und schon ist klar, warum es „nur“ 500 Bilder sind.

Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal! Dann: Warum ist für die Paarfotos genügend Zeit so wichtig?

 

Herzlich

Eure und Ihre
Anette Göttlicher

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