Der Turnschuhzoom oder: Die Festbrennweite und warum ich sie so liebe.

50mm_festbrennweite

 

Eine Festbrennweite, so bezeichnet man umgangssprachlich ein Objektiv, das nur eine Brennweite besitzt, mit dem man also nicht ran- oder rauszoomen kann. Manche nennen es auch Turnschuhzoom, denn wenn man näher an das Objekt möchte, muss man eben hinlaufen – oder weiter weg von ihm, wenn man mehr Drumherum aufs Bild bekommen möchte.

Das mag jetzt auf den ersten Blick furchtbar unpraktisch erscheinen, hat man doch mit einem Standard-Kitobjektiv, wenn man sich eine DSLR-Kamera kauft, eine Brennweite von z.B. 18 (Weitwinkel) bis 105 oder 200 mm (starkes Tele). Was ist also der Vorteil daran, nicht zoomen zu können?

Bauartbedingt (fragen Sie mich bitte nicht nach den Details, ich habe sie mal nachgelesen, alles sehr technisch) lässt sich die Blende einer Festbrennweite weiter öffnen als die eines Zoomobjektivs. Wie weit, das erkennt man an der kleinen Zahlenkombi, die unter der mm-Angabe steht: bei obigem Objektiv lässt sich die Blende maximal bis zum Wert 1.4 öffnen, das ist sehr viel. Zoomobjektive der günstigeren Art fangen oft bei 3.5 an, und selbst die teuren lassen sich nur bis 2.8 öffnen. Je weiter man die Blende öffnen kann, desto mehr Licht kann bei der Aufnahme auf den Sensor der Kamera fallen. Das hat einerseits den Effekt, dass die Festbrennweiten eine große Lichtstärke aufweisen, d.h. dass man auch bei Schummerlicht und Dämmerung noch aus der Hand verwacklungsfreie Bilder hinbekommt. Für Blitzmuffel wie mich ein Traum bzw. ein Muss!

Der zweite Effekt der weit offenen Blende ist, dass man eine sehr geringe Tiefenschärfe erzielen kann, d.h. dass der Bereich des Bildes, der scharf ist, nur ganz klein ist. So kann man Personen oder Dinge „freistellen“ – der Hintergrund verschwimmt in Unschärfe, auch wenn er nicht weit hinter dem Objekt ist. Zudem sagt man den Festbrennweiten nach, dass sie ein sehr viel schöneres Bokeh abbilden – das ist der unscharfe Bereich eines Bildes. Im Zusammenspiel mit Licht/Gegenlicht kann man hier oft schöne,weiche Muster und Lichtpunkte sehen.

 

Welche Festbrennweite für welchen Zweck? 

24mm und 30mm sind Weitwinkel, gut für Reisen und Landschaft.

Ein gutes „Immerdrauf“-Objektiv ist z.B. eines mit 35mm, 1.8 (1.4 ist besser, muss aber nicht sein). Damit kann man Portraits machen, aber auch Gruppen von Menschen oder Landschaften fotografieren.

Auch 50mm sind vielseitig einsetzbar, z.B. für Paarfotos oder Stadt-/Streetfotografie.

85mm: Das perfekte Portrait-Objektiv. Auch, weil man dem Portraitierten nicht so nahe kommen muss, was manche Models nicht gerne mögen.

105mm: Auch gut für Portraits, hier braucht man aber viel Platz (Outdoor). Außerdem eine Makro-Brennweite.

(Anmerkung: Ich spreche in diesem Fall von sogenannten Crop-Kameras, also nicht von Vollformat-Kameras)

DSC_6118s

Was muss man beim Fotografieren mit Festbrennweiten beachten?

Bei kompletter Offenblende leidet die Schärfe etwas, besonders an den Rändern. Das ist normal. Auch chromatische Aberrationen (das ist ein lila oder grüner Rand um Objekte, besonders bei Gegenlicht) kommen vor. Um das zu vermeiden, einfach um 0,2 bis 0,4 abblenden. Bei 1.8 oder 2 sind die Bilder meistens schon ziemlich scharf.

Öffnet man die Blende bei Tageslicht ganz weit, muss man ggf. mit Verschlusszeit und ISO gegensteuern, um die Bilder nicht überzubelichten. Am besten eignet sich hier die Einstellung „Blendenvorwahl“ (A oder AV auf dem Rädchen), dort können Sie die gewünschte Blende einstellen und die Kamera sucht sich selbst die passende Verschlusszeit (je offener die Blende, desto schneller die Verschlusszeit) aus. Ein „HI“ für „high“ im Display, dort, wo normalerweise die Verschlusszeit angezeigt wird, warnt vor Überbelichtung. In diesem Fall die ISO runterstellen auf 125 oder 100, genügt das auch nicht, etwas abblenden, d.h. die Blendenzahl erhöhen.

Nicht immer ist Fotografieren mit Offenblende sinnvoll. Bei Familienfotos z.B., auf denen die Menschen hintereinander sitzen/stehen/laufen, sollte man etwas abblenden, sonst ist immer nur einer scharf, wegen der geringen Tiefenschärfe. Auch bei Portraits muss man ein bisschen aufpassen, wie weit man die Blende öffnet – nicht immer ist der Effekt „Augen scharf, Nasenspitze unscharf“ erwünscht.

Festbrennweiten sind übrigens nicht immer teuer! Das 50mm-Objektiv gibt es je nach Hersteller schon für gut 100 Euro.

Viel Spaß beim Ausprobieren wünscht Ihnen

Ihre

Anette Göttlicher

 

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7 Gedanken zu “Der Turnschuhzoom oder: Die Festbrennweite und warum ich sie so liebe.

  1. Toll, Turnschuhzoom – das werd ich auf alle Fälle bald mal ausprobieren! Vielen Dank für den Beitrag, liebe Grüße von Doris – übrigens liebe ich dein Sommerbild vom nymphenburger Kanal, das ist wirklich göttlich fotografiert 🙂

  2. Super Artikel! Sehr gut erklärt. Ich würde vielleicht noch ergänzen, dass man im hellen Tageslicht einen Graufilter zu Hilfe nehmen kann, wenn man mit Offenblende fotografieren möchte (wegen der geringen Tiefenschärfe) und/oder wenn man länger belichten möchte.

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