Kinder und Beruf

Meine liebe und tolle Kollegin Stefanie wollte gerne mal wissen, wie es denn wirklich ist mit der viel beschriebenen und bejammerten Vereinbarkeit von Beruf und Familie, vor allem bei Frauen und insbesondere bei Selbständigen. Man kann viel über das Allgemeine reden, definieren und diskutieren, aber vielleicht ist es am hilfreichsten, wenn man einfach mal aus dem Nähkästchen plaudert, sprich, dem Leben einer ganz normalen Mutter mit einem fast ganz normalen Job.

Vorab doch noch eine kurze Definitionsrunde. Ich spreche nicht von Karriere im Sinne von steilem Aufstieg, Führungspositionen, Dienstwagen, Boni und Spitzensteuersatz. Ich spreche beim Beruf von den Dingen, mit denen ich mich gerne  bis begeistert zwischen 20 und 60 Stunden pro Woche beschäftige (ich zähle die Stunden nicht), mit denen ich das Geld verdiene, das ich für mein Leben und das meiner halben Familie ausgebe.

Und „Vereinbarkeit“ ist eigentlich auch nicht der richtige Begriff. Wie meine Kollegin Andrea mal schrieb, müsste es eher „Machbarkeit“ heißen. Vereinbarkeit klingt so glatt, so harmonisch und so unanstrengend, und das ist es nicht, wie Ihr gleich sehen werdet.

Um das Ganze v.a. für Noch-nicht-Mütter (die anderen wissen eh, wovon ich spreche) zu illustrieren, beschreibe ich drei Tage meines ganz normalen Lebens mit Job und zwei Kindern (2 und 5 Jahre alt). Einen katastrophalen, einen durchschnittlichen und einen tollen. Alle sind tatsächlich genau so passiert. Die Katastrophe macht den Anfang.

1. Wäre ich doch bloß im Bett geblieben

Der Tag fängt mitten in der Nacht an. Um 1 Uhr 30 reißt mich ein langgezogener Schrei aus dem Kinderzimmer aus dem Tiefschlaf. Kurz hoffe ich auf „Alptraum ohne Aufwachen“, aber eigentlich höre ich schon an der Art des Schreis, dass Aktion meinerseits gefordert ist. Bitte, lass es keinen Magen-Darm-Virus sein, bete ich, als ich über den Gang tapse. Im Kinderzimmer erwartet mich eine blasse und geknickte, weinende Fünfjährige. „Mama, mir war schlecht … ganz plötzlich …“ Normalerweise schafft die Große es rechtzeitig ins Bad. Nicht so heute Nacht. Ich reiße mich zusammen, erkläre ihr, dass das nicht so schlimm sei, obwohl ich gerade das Gegenteil empfinde, schicke das Kind ins Bad zum Waschen und ziehe das Bett ab. Auf der Suche nach frischer Bettwäsche wecke ich beinahe meinen Mann, der unwillig im Schlaf brummelt. Ich widerstehe der Versuchung, das Oberlicht anzumachen und suche im Halbdunkel weiter. Das Kind ist mittlerweile auf der nackten Matratze wieder eingeschlafen. Ich lege es auf den Teppich und beziehe das Bett neu, eine Schicht Handtücher drauf, Kind wieder platzieren und das Beste hoffen. Kaum bin ich wieder eingeschlafen, weckt mich der nächste Schrei. Diesmal schafft sie es ins Bad, aber ich muss natürlich mit. Der Rest der Nacht besteht aus 30-minütigen Schlafeinheiten zwischen den Badbesuchen. Um 5:30 Uhr fühle ich mich wie ein Zombie und frage meinen Mann, dessen Wecker gerade geklingelt hat, ob er zu Hause bleiben kann, weil ich später ein Shooting habe. Er kann leider nicht, und er hat gute Gründe. „Bring sie halt zu Anna!“ Ein Kind mit Magen-Darm-Virus zu einer Freundin bringen, die selbst drei Kinder hat. Spitzenidee. Sobald es draußen hell ist, rufe ich meine Kundin an, um den Termin für heute abzusagen. Ich habe Pech – sie hat weder Verständnis noch Lust auf einen Ausweichtermin. „Unprofessionell“ ist noch der freundlichste Begriff, mit dem sie mich bedenkt. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Wunschkunden anders aussehen und hänge die Bettwäsche auf. Die Tochter schläft ganz tief. Ich rufe also im Kindergarten und auch gleich in der Kinderkrippe an, denn wie soll ich den Kleinen dorthin bringen, ohne mein krankes Kind alleine zu lassen? Na ja, dann mache ich heute eben Home Office, denke ich mir, beantworte die E-Mails, die angelaufen sind, schreibe Rechnungen und Angebote, aktualisiere meine Homepage, bereite einen Blogartikel vor und eigentlich könnte ich ja schon mal die Steuer … „Mama! Ich hab Hunger!“ Ach ja, der Kleine ist ja auch noch da. Hoffentlich steckt er sich nicht an. Wo ist das Sagrotan? Ich wickle ihn, wasche ihn, ziehe ihn an, gebe ihm Müsli und Apfelschorle. Wir genießen eine ruhige Viertelstunde, in der ich tatsächlich ein paar Mails beantworten kann. Dann geht er freiwillig ins Bad, die Hände waschen. Ich fange an, Rechnungen zu schreiben, als eine Anfrage für eine Hochzeit reinkommt. Super, da hätte ich noch Zeit! Allerdings ist der Termin ein Freitag. In den Ferien. Bevor ich das Angebot schreibe, rufe ich meinen Mann an und frage, ob er sich an diesem Tag zumindest den Nachmittag frei nehmen könnte. Kann er nicht, denn Kollege XY hat da Urlaub und er muss ihn vertreten. Ich rufe meine Eltern an. Sie können auch nicht, oder vielleicht schon, aber das können sie nur kurzfristig sagen. Freundin A ist zu dem Zeitpunkt im Urlaub, Freundin B muss selbst arbeiten und Freundin C habe ich schon die letzten zwei Male eingespannt … Die Babysittern könnte, ist aber gerade schwanger und wenn die Hochzeit ist, ist ihr Baby ein paar Monate alt. Das ist MIR zu unsicher. Ich vertage das Angebot auf den Nachmittag, vielleicht fällt ja bis dahin ein Babysitter vom Himmel oder aus dem Freitag wird ein Samstag. Mittlerweile war es zwanzig Minuten lang ruhig im Bad. Mit einer bösen Vorahnung schaue ich mal rein und bin begeistert, wie toll sich mein Zweijähriger selbst beschäftigen kann. Er macht schon eigene Experimente: Wie viele Klorollen passen am Stück in die Kloschüssel, so dass sie noch zugeht, und was passiert, wenn man dann die Spülung betätigt? Mein Wutanfall verpufft, denn die Große ist aufgewacht. Es geht ihr nicht schlecht, aber auch noch nicht gut. Sie möchte etwas zu essen. Leider haben wir weder Zwieback noch Salzstangen im Haus. Warum gibt es keinen Sofort-Lieferdienst für Lebensmittel? Ich mache ihr einen Tee, gebe ihr ein Stück Breze von gestern und überlege, ob ich sie 10 Minuten alleine lassen kann, während ich mich gleichzeitig selbst dafür verfluche, so eine schlechte Hausfrau zu sein. Während ich noch mit mir und der Gesamtsituation hadere, klingelt mein Handy, nicht zum ersten Mal. Eine Kundin ist dran, sie möchte den Shootingtermin von Freitagvormittag auf Samstag verlegen, weil ihr Mann nun doch nicht frei hat und auch dabei sein soll. Klar geht das. Wenigstens habe ich dann kein Betreuungsproblem, denke ich mir, während mich mich vom letzten freien Samstag in diesem Monat verabschiede. Als ich auflege, klingelt es erneut – die Mutter von zwei Kindern aus einem Kindergarten, in dem ich fotografiert habe, ist dran. Sie hat eineiige Zwillingsmädchen, die am Shooting-Tag identisch angezogen waren, ich erinnere mich gerne an die süßen Mädels. Sie aber hat eine Beschwerde. Ihre Mona sei auf zehn von elf Einzelfotos drauf, ihre Mara allerdings nur auf einem. Sie werde deswegen keine Fotos abnehmen und ist hörbar verstimmt. Inzwischen hat der Kleine das unter Wasser gesetzte Bad verlassen, „is so nass da!“ und ist dazu übergegangen, die Küche zu putzen. Er hat da eine ganz besondere Technik, auf die ich nicht näher eingehe, das würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: Auch hier ist ziemlich viel Wasser beteiligt. „Mama, ich brauche endlich eine neue Matschhose!“ erinnert mich dann die Große, „und wann geht eigentlich mein Schwimmkurs weiter?“ O je, das habe ich total verschwitzt, denke ich, im Geiste noch bei der Zwillingsmutter. Schnell checke ich meinen Kalender. Sonst noch was Wichtiges vergessen? Die U8 für den Kleinen steht an, Zahnarzt mit der Großen (zwei Zähne wackeln schon), die Schulanmeldung, ach ja, und Mittagsbetreuung habe ich auch noch keine. In drei Wochen kann ich mir mal ein, zwei Wochen frei halten, weil ich da den Kleinen im Kindergarten eingewöhnen muss. Die Turnschuhe der Großen sind zu klein und der Kleine braucht einen neuen Laufradhelm. Aus gegebenen Anlass ein Blick aufs Konto. Schlechte Idee. Die Krankenkasse hat 400 Euro abgebucht, das Finanzamt 1600, die Kinderkrippe 300 und die Rechnungen der Berufsgenossenschaft und der Handwerkskammer muss ich auch bald zahlen. Eine meiner Sicherungsfestplatten klingt komisch, die sollte ich ersetzen …
Der Tag schleppt sich dahin, zwischen den kleinen Katastrophen, die so passieren, wenn man mit zwei Kleinkindern zu Hause ist, schaffe ich ein paar Mails, ich hoffe, ich habe sie auch alle wirklich abgeschickt. Der Mann hat heute seinen langen Tag und kommt erst um 20:30 nach Hause, bemängelt als erstes, dass die Kinder noch nicht im Bett sind (huch? Schon so spät?) und sagt dann zum Glück nichts zum Chaos in der Wohnung, sondern beginnt, aufzuräumen. Um 21 Uhr 30, ich will gerade todmüde aufs Sofa sinken, obwohl ich heute gefühlt mehr zerstört als geschafft habe, fällt mir ein, dass mein Kleiner morgen Kochkind in der Krippe ist, sprich, ich morgen früh das Mittagessen für 12 Kinder und zwei Erwachsene mitbringen muss. F**k. Leicht panisch durchforste ich den Küchenschrank nach Kochbarem und schaffe es irgendwie, bis 23 Uhr einen Nudelauflauf hinzubekommen, der essbar wirkt. Als ich ihn kosten will, fällt mir auf, dass ich den ganzen Tag nichts gegessen habe und mir leicht übel ist. Doch bevor ich mir weitere Gedanken machen kann, ertönt eine Art Husten und dann ein langgezogener Schrei aus dem Schlafzimmer des Kleinen. Schade, dass ich das Sagrotan nicht gefunden habe.

2. Ein ganz normaler Dienstag

Ich bin ja eher so der Nachtmensch. Wenn alles ruhig wird in der Wohnung, auf facebook und draußen, dann kann ich am besten arbeiten. Dienstags rächt sich das dann immer, denn da muss die Große schon zu nachtschlafender Zeit um 8:15 im Kindergarten sein, weil sie Turnen hat. Ich stehe also um 7 Uhr auf, mein Mann ist schon 30 Minuten außer Haus. Ich dusche, wecke dann die Kinder, ach nee, der Kleine ist schon wach und spielt friedlich Lego, ist nicht begeistert, als ich ihn wickeln und anziehen will. Die Große kommt nach mir und ist morgens ähnlich schlecht gelaunt wie ich, nur, dass sie keinen Kaffee trinken kann, die Arme. Ohne ein bis drei Streits vergeht kein normaler Morgen. Aber wir sind ja beide nicht nachtragend. Ich ziehe mich selbst an, mache zwei Brotzeiten, und um 8 Uhr sind wir tatsächlich in der U-Bahn. Große abliefern, Kleinen abgeben und um 9 Uhr bin ich pünktlich auf dem Weg zu meinem Termin, heute einem Businessfotoshooting in einer Firma. Leider sind zwar keine coolen Fotos gewünscht, sondern ganz klassische, aber man kann sich halt nicht immer ausleben. Ich nehme den Job, wie er ist und habe sogar Spaß dabei. Um 14 Uhr bin ich fertig und habe sogar noch Zeit für ein schnelles Mittagessen unterwegs, bevor ich direkt wieder zum Kindergarten und zur Krippe eile. Die Große hat heute Musikkurs, der um 16 Uhr beginnt. Wir schaffen es knapp und während sie musiziert, gehe ich mit dem Kleinen einkaufen. Dann holen wir die Schwester wieder ab, machen auf dem Heimweg noch einen Abstecher zum Spielplatz, weil die Frühlingssonne so schön scheint und sind gegen 18 Uhr zu Hause. Ich importiere meine Fotos von heute Vormittag, schärfe den Kindern ein, meinen Rechner in Ruhe zu lassen und gehe in die Küche, um Abendessen zu machen. Um 19 Uhr kommt mein Mann nach Hause, wir essen und er bringt danach die Kinder ins Bett, während ich mich an den Rechner setze und bis Mitternacht die Bilder bearbeite, die am nächsten Tag fertig sein müssen. Zum Glück ist es schon dunkel, so kann ich die ungeputzten Fenster, den Staub in den Ecken und die Wäschestapel, die aufs Einsortieren warten, besser ignorieren.

3. Das Leben ist schön!

Es ist Sommer. Da ich an den Wochenenden fast immer auf Hochzeiten bin und nachts in aller Ruhe die Hochzeitsfotos bearbeite, nehme ich unter der Woche kaum Termine an. Mein persönliches Jahresmindestsoll ist bereits im Juli erreicht, inklusive der Termine, die für das Jahr noch in meinem Kalender stehen. Insofern übe ich mich in Entspannung. An einem strahlenden Tag, der 35 Grad Höchsttemperatur verspricht, melde ich die Kinder vom Kindergarten ab und fahre mit ihnen und einer ebenfalls selbständigen Freundin mit Kind an den Ammersee. Wir fahren mit dem Dampfer, gehen baden, liegen im herrlich leeren Strandbad auf der Picknickdecke, essen Eis, ich mache hunderte von Fotos, aber nur privat, was mir erstaunlicherweise immer noch genauso viel Spaß macht wie zu nicht professionellen Fotozeiten. Wenn nicht mehr, weil ich besser bin als früher. Die Kinder sind happy und unkompliziert, die einzige Gefahr, die heute droht, lässt sich mit Sonnencreme LSF 30 eindämmen und am Abend essen wir Pommes (die Kinder) und Thaicurry (die Mamas) im Biergarten am See. Auf dem Rückweg schlafen die Kinder im Auto ein und werden mit ungeputzten Zähnen direkt in ihre Betten gelegt. Ich sichte meine privaten Fotos und setze mich dazu auf den Balkon, zusammen mit einem Hugo und später mit meinem Mann. Und bin ganz schön dankbar, heute nicht ins Büro gemusst zu haben.

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2 Gedanken zu “Kinder und Beruf

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