Danke, Papi.

Lieber Papi, 

vor drei Wochen bist Du nach langer, schwerer Krankheit gestorben. In Deinen letzten Lebenstagen und -wochen habe ich Dich so oft wie möglich besucht, und eines war Dir immer wichtig: „Sag bloß keinen Job meinetwegen ab!“ Ein einziges kleines Shooting habe ich an eine liebe Kollegin gegeben, weil ich an diesem Tag so traurig und mutlos war, dass ich meinen Kunden nicht das Beste von meiner Arbeit hätte geben können. Stattdessen war ich bei Dir und wir hatten ein paar schöne Stunden, in denen ich wieder Kraft schöpfte für die nächste Zeit. 

Ich weiß, dass Du es nicht gewollt hättest, hätte ich zu Deinen Lebzeiten davon erzählt, wie sehr meine Fotografie, mit der ich heute 80 Prozent meines Geldes verdiene, mit Dir zusammenhängt. Deswegen mache ich das jetzt posthum. 

Du warst es, der mir meine erste Kamera geschenkt hat, als ich 6 Jahre alt war. Eine vollautomatische Yashica. Charakteristisch war ihr Auslöse- und Aufziehgeräusch, deswegen nannten wir sie auch „zack-bschschscht-Kamera“. Sie konnte nicht viel. Aber Du hast mir von Anfang an erklärt, dass es nicht auf die Technik ankommt, sondern aufs Auge – und auf das Gefühl. 

Du als begeisterter und talentierter Hobbyfotograf hast mir schon vor über 30 Jahren ein paar Grundsätze beigebracht, die für mich immer noch Gültigkeit haben: Zum Beispiel, dass ein Bild an Tiefe gewinnt, wenn es mehrere Ebenen hat und dass man sich manchmal auf den Boden legen muss, um gute Bilder zu machen. Du hast mir schon vor drei Jahrzehnten beigebracht, dass „Sonne im Rücken, Fotografenentzücken“ ein – damals schon – veralteter Grundsatz ist, und als Du mir Jahre später meine erste analoge Spiegelreflexkamera geschenkt hast, hast Du mir das mit der Blende und der Verschlusszeit so erklärt, wie ich es noch heute meinen Workshopteilnehmern erkläre. 

Meine erste DSLR hast Du bezahlt, ebenso wie meine erste Festbrennweite (die dann leider mein erstes Kind kaputt warf). Die Rechnung ließt Du aber auf mich schreiben, damit ich die Ausgaben von der Steuer absetzen konnte. 

Du warst stolz auf mich und darauf, was ich mir als Fotografin in den letzten fünf Jahren aufgebaut habe, aber Du warst auch kritisch und hast mich in meiner Meinung bestärkt, dass man nie mit dem Lernen aufhören darf, auch wenn man selbst schon Workshops abhält. 

Und das, obwohl es Dir wahrscheinlich trotz allem lieber gewesen wäre, ich wäre Juristin oder BWLerin geworden und hätte die Fotografie als Hobby betrieben – meine Absicherung war Dir immer sehr wichtig. Aber keine Sorge, ich werde langsam, aber sicher teurer. Und wenn ich den Preis erreicht habe, den ich für eine Hochzeit verlangen möchte, kann ich von 20 Hochzeiten im Jahr gut leben. Reich werde ich damit nicht werden, aber das muss ich auch nicht, zumindest nicht finanziell. 

Wenn ich an Dich denke, Papi, dann denke ich auch an und in Fotos. An das gemeinsame Warten, bis eine dicke Wolke endlich wieder die Sonne freigab. An Deine Gegenlichtliebe. Daran, wie wir in den Achtzigerjahren nach den Öffnungszeiten über den Zaun kletterten und illegal in die Ausgrabungsstätte von Ephesos in der Türkei einstiegen, um die Kuretenstraße im goldenen Abendlicht und ohne störende Touristen ablichten zu können. Und daran, wie wir gemeinsam am Schreibtisch saßen und Dias rahmten.

Einen Ausflug hättest Du gerne noch mit Deiner Enkelin, die Du oft Anette nanntest statt Linda (und das hatte nichts mit Deiner Krankheit zu tun), meiner Mutter und mir zusammen gemacht: Die Fahrt auf Deinen geliebten Wendelstein, an dessen Fuße Du aufgewachsen bist. Leider haben wir es nicht mehr geschafft. Aber ich verspreche Dir, wir werden das nachholen, und ich werde ganz viele Fotos machen. Obwohl ich weiß, dass Du auch ohne Fotos mit dabei bist. 

wendelstein

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10 Gedanken zu “Danke, Papi.

  1. Liebe Anette, mein Beileid zu deinem schmerzlichen Verlust.

    Schön das du deinen Vater mit diesem Beitrag ehrst, und wie wunderbar das ihr so eine großartige Zeit zusammen hatten und in der Fotografie verbunden wart/seid.

    Liebe Grüsse und ganz viel Kraft deine Kollegin Viola

  2. Von Herzen spreche ich Dir mein Beileid aus und danke Dir für diesen genauso traurigen wie einfühlsamen Text, der mich sehr berührt hat.

  3. Danke für diesen Text. Ich kenne dich nicht und deinen Vater auch nicht. Trotzdem hat mich dieser Text berührt. Ich wünsche dir und deiner Familie das beste auf der Welt und das deine offenen Wunden bald vernarben.

    Liebste Grüße aus Leipzig.

  4. Liebe Anette!

    Du hast diesen Blogeintrag wirklich wunderschön geschrieben…man spürt bei jeder Zeile, jedem Wort das es von Herzen kommt. Und nicht nur Deine große Leidenschaft als Fotografin ist zu spüren, sondern auch die unerschöpfliche Liebe als Tochter und die starke Verbundenheit zu Deinem Papi…

    Ich bin mir sicher, er war und ist sehr stolz auf DICH und was Du in deinem Leben bereits alles erreicht hast. Da ist der Beruf, ob nun Juristin oder Fotografin völlig nebensächlich… 😉
    Das Wichtigste im Leben ist doch, dass man mit dem was man tut glücklich ist und finanziell (relativ gut) abgesichert ist. Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt auf die Fotos vom Wendelstein…und auf all Deine weiteren Fotoprojekte, die noch kommen werde. In diesem Sinne, sende ich Dir viele liebe Grüße nach München.

    Liebe Grüße
    Frances

  5. Mich hast du ebenfalls berührt und die Tränen rollen lassen. Wundervoll geschrieben und die gezeigte Warmherzigkeit spürt man. Behalten deinen alten Herren in dieser Erinnerung und wenn du immer an ihn denken magst leibt er weiter in euren herzen. Er nahm Abschied….aber ging nur auf eine andere Reise.

    Danke für diese Worte und viel Kraft für das trauern! Er wird immer bei euch bleiben.

    Grüße aus Leipzig

  6. Mein herzliches Beileid auch noch einmal an dieser Stelle.
    Deine Worte haben mich sehr berührt und ich muss mir jetzt erst einmal ein Taschentuch holen gehen.
    Fühl dich gedrückt liebe Anette! ❤

  7. Liebe Anette.

    Es tut mir aufrichtig leid – unser Beileid. Deinen Worten zufolge hast Du einen für Dich so wertvollen und lieben Menschen in Deinem Leben verloren. Es tut so weh. Und man wackelt auf einmal so. Ein Teil der Wurzel fehlt. Es ist ein Geschenk, solch einen Menschen, Papi und zugleich Freund gehabt zu haben. Ich bin nach zwölf Jahren immer noch unglaublich dankbar dafür und trage meinen Papi im Herzen Tag für Tag bei mir. Er fehlt mir so sehr. Und das wohl für immer…

    Fühl Dich fest gedrückt von uns
    Marion & Co

  8. Ich bin zufällig heute hier … und an diesen liebevollen Zeilen hängengeblieben.

    Was brauchts da noch der Worte mehr?

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