Servus, Kindergartenfotografie!

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Vorab: Dieser Artikel soll keine Häme ausdrücken, obwohl ich – zugegeben – ein bisschen frustriert bin. Wenn es nur darum ginge, dass sich die Kindergartenfotografie für mich finanziell weniger lohnt als die Hochzeits-, Familien- oder Businessfotografie, würde ich sie trotzdem weiter anbieten.

Ich fotografiere furchtbar gerne Kinder. Meine eigenen, die meiner Freunde, die meiner Kunden, und auch Kindergartenkinder. Gerne auch 50 oder 75 auf einem Haufen. Für große Kindergärten habe ich mir immer mehrere Tage Zeit genommen, was echt schön sein kann: Drei oder vier Tage in einem Kindergarten, und du gehörst dazu. Bekommst zum Abschied selbst gemalte Bilder, feuchte Küsse und ehrliches Bedauern, dass du morgen nicht wiederkommst. Und im Jahr darauf erkennen die Kinder dich wieder und freuen sich, dass du wieder da bist.

Klar, es ist anstrengend. Es gibt Kinder, die sich gerne fotografieren lassen, die jeden Quatsch mitmachen, die Spaß daran haben. Es gibt Kinder, die schüchtern sind oder Kameras schlicht und einfach nicht mögen. Die muss man dann versuchen, zu überzeugen, und sie im Notfall auch einfach in Ruhe lassen, bis sie von selbst ankommen. Und es gibt Kinder, die gerne deine Assistenten wären, mit fünf schon wissen, was Photobombing bedeutet und bei denen du aufpassen musst, dass sie dir deine 2000-Euro-Kamera nicht von der Schulter reißen, denn im Zweifelsfall zahlt da deine Versicherung nicht …

Aber die Kinder sind nicht das Problem. Kinder sind nie das Problem!

Mir ist bewusst, dass auch diejenigen Eltern unter Euch, die das hier lesen oder gar teilen, nicht das Problem sind. Ihr seid nämlich in der Mehrheit. Ihr, die natürliche Kindergartenfotos schätzt, lieber Bäume und Grün im Hintergrund habt als einen Backdrop mit künstlichen Wolken auf blauem Himmel, Ihr, die es nicht schlimm findet, wenn Euer Kind nicht frisch gekämmt ist auf den Fotos und auch mal nicht in die Kamera grinst, weil ich es gerade beim vertieften Spielen fotografiert habe. Ihr versteht auch, dass ein Bild nicht nur zwei Euro kosten kann.

Aber leider müsst Ihr dafür bezahlen, dass es auch andere Eltern gibt. Eltern, die zum Beispiel nach dem offiziellen Kindergartenshooting mit dem Geschwisterkind vorbeikommen, damit ich Fotos von beiden Kindern mache, um dann später keines davon zu kaufen, weil sie es „vergessen“. Eltern, die keines der Portraits ihres bezaubernden Kindes kaufen, sondern nur das Gruppenbild, das es für zwei Euro Unkostenbeitrag gibt. Nicht, weil sie es sich nicht leisten könnten. Sondern weil sie zehn Euro für einen Abzug und eine hochauflösende Datei „zu teuer“ finden. Eltern, die im Kindergarten beim Bezahlen leere Kuverts abgeben. Eltern, die sich beklagen, weil auf den Fotos von ihren eineiigen und identisch gekleideten Zwillingen das eine Kind achtmal drauf ist, das andere aber nur dreimal. Eltern, die monieren, dass es keine Ganzkörperportraits gibt, obwohl sie der Tochter extra die schönen Schuhe angezogen haben. Eltern, die mir im Vorfeld sagen: „Ich kaufe alle Bilder, wenn Sie es schaffen, meine Tochter so zu fotografieren, dass sie lächelt!“ und die dann kein einziges der Fotos nehmen, auf denen das Kind lacht und für die ich mich insgesamt eine Stunde lang zum Affen gemacht habe.

Weil es diese Geschichten und noch viel mehr davon gibt, müsst Ihr, die Eltern, die das hier lesen, mehr für Eure Bilder bezahlen. Weil Ihr die anderen auffangen müsst. Denn Kindergartenfotografie ist ein Haufen Arbeit und Zeit für den Fotografen: Organisation, Fotografieren, Tausende von Fotos sichten und ordnen und aussuchen und bearbeiten, E-Mail-Adressen einsammeln, E-Mail-Adressen recherchieren, weil sie falsch geschrieben waren, Onlinegalerien erstellen (die kosten auch Miete), Mails verschicken, Bestellungen aufnehmen, Prints ordern, Geld eintreiben, Downloads freischalten, Fragen beantworten, Prints ordnen, in Mappen packen und in den Kindergarten bringen … Ein Fototag in einem mittelgroßen Kindergarten bringt vielleicht 1000 Euro brutto. Das klingt erstmal viel, aber ein Fototag bedeutet mindestens eine Woche Arbeit. Dann gehen sofort 19% Umsatzsteuer weg, ganz abgesehen von der Einkommenssteuer und den Auslagen für die Prints und die Onlinegalerien. Den Stundenlohn, der am Ende dabei herauskommt, möchte ich mir ehrlich gesagt gar nicht erst ausrechnen.

Auf den Punkt gebracht: Es lohnt sich nicht. Nicht finanziell, und was ausschlaggebend ist: Auch menschlich nicht. Leider, und das ist das Ungerechte daran, kann der Spaß beim Fotografieren und der Kontakt mit den vielen netten Eltern wie Euch die negativen Seiten und den Ärger nicht aufwiegen.

Ich habe es nun nach meinen ersten frustrierenden Erfahrungen noch zwei weitere Jahre versucht und bin 2015 so weit, dass ich sage: Servus, Kindergartenfotografie. Durchaus mit einem weinenden Auge. Aber ehrlich gesagt auch mit viel Erleichterung.

Eine Ausnahme mache ich: Kindergärten mit bis zu 15 Kindern, in denen ich eine Kontaktperson (ob Mutter, Vater oder Erzieher(in)) persönlich kenne.

Eure Anette

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12 Gedanken zu “Servus, Kindergartenfotografie!

  1. Das ist natürlich sehr schade. Aber ich kann es absolut verstehen und mir gut vorstellen was das für eine Arbeit ist/war. Fotograf ist ja leider eh schon kein Beruf zum Reich werden. Und sehr schade, dass die „anderen Eltern“ das hier nicht lesen 😉

    Gruß Roland

  2. Gute Entscheidung. Aus eigener Erfahrung (3 Jahre Kindergartenfotografie) war ich auch soweit zu sagen, es ist traurig für die Kinder und die Eltern welche die Arbeit schätzen, keine Kindergärten mehr. Hut hab und viel Erfolg weiterhin. Liebe G
    rüße einer Kollegin

  3. Hallo Anette,

    Das ist wirklich schade das die Eltern deiner wirklich hervorragenden Arbeit, nicht den nötigen Respekt entgegenbringen.

    Ich finde deine Bilder und deine Art zu fotografieren wirklich toll.

    Leider verkommt unserere Gesellschaft immer mehr. In Zeiten, in denen Eltern es nicht mal schaffen, einen in der Früh im Kindergarten zu Grüßen, wundert mich allerdings nicht mehr.

  4. Liebe Anette,

    ich persönlich finde, dass das der erste Schritt in die richtige Richtung ist, was Kindergartenfotografie anbelangt.
    Ich würde mir diese Entscheidung bei viel mehr frustrierten und unterbezahlten Kindergartenfotografen wünschen. Einfach nein sagen und nicht mehr den „Hampelmann“ mimen, für Menschen die es (leider) nicht besser wissen.

    Das andere Eltern, die deine Arbeit zu schätzen wissen, unter deiner Entscheidung leiden könnten, empfinde ich persönlich gar nicht so.
    Denn du bist ja immer noch als Fotografin für Familien buchbar.

    Wer also deine Arbeit, deine wunderbare Leistung Kinder auf Bildern zum Lachen zu bringen, zu schätzen weiß, wird dich anrufen und sagen:
    „Hey Anette ich hätte gerne Bilder von meinen kleinen Zwergen und dem Rest der Familie.“
    Und DAS sind doch die viel tolleren Bilder, weil Mama ENDLICH auch mal auf den Bildern mit drauf ist.

    Du bist eine großartige Kinder und Familienfotografin mit ganz viel Gefühl, Herz und vor allem Sachverstand. Wer das nicht erkennen kann, der tut mir fast ein wenig leid. 😀

    Falls ich je Familienbilder machen lassen würde, weil ich selber einen kleinen Zwerg habe,
    DU wärest meine erste Wahl als Fotografin und das nicht nur weil wir uns persönlich kennen. 😀

    Alles Liebe und einen tollen Tag wünscht Dir von Herzen
    Stefanie

  5. Hallo liebe Anette,
    schön geschrieben 🙂
    Ich selbst habe zwar noch keinen Kindergarten fotografiert, möchte das auch eigentlich gar nicht aus all deinen genannten Gründen, habe aber eine Anfrage bekommen.. mein Mann meint natürlich: Zusagen!
    Ich allerdings.. puh. Ich hab in meiner Ausbildung schon damals regelrecht die Pest bekommen, wenn es hieß, es geht in den Kindergarten. Das waren Zeiten, mein lieber Mann. Am Ende des Tages bin ich als psychisches Wrack nach Hause gegangen. Gut, mit meinem Chef hatte ich mich nie wirklich gut verstanden, das kam noch dazu. Im Studio gings dann aber richtig los mit Aussortieren, Bearbeiten, den ganzen Eltern, die natürlich alle einen Extrawunsch hatten und dachten, diesen könne man „mal eben so“ erfüllen, weil ja bestimmt nieeemand anderes einen Sonderwunsch hat.
    hachja.. also nein. All die (teils heftigen) Storys, die man zu hören bekommt, schrecken mich ehrlich ab.

    Danke für deinen Text! 🙂
    Viele Grüße und einen schönen (entspannten) Tag aus Aschaffenburg wünsch ich dir,
    Michaela

  6. Man muss es halt nicht so spannend machen. Wenn man diese Erkenntnis hat, ist es einfacher wenn man sich nur noch beim fotografieren Mühe macht und das drum herum einfacher abwickelt. Für jeder Gruppe eine Onlinegalerie, Standardentwicklung (Preset im RAW-Konverter) und auch bei mehreren tausend Bildern ist nach zwei Stunden alles fertig. Keine, Mappen, keine Mails, keine Kommunikation mit den Eltern…. Im Vorfeld gibt es schon ein Aushang mit dem Zugangscode zur Onlinegalerie…. Das erleichtert das Leben ungemein, der verdienst steigt und es macht wieder Spaß. Achja und ganz wichtig eine Onlineanbieter wo der Kunde direkt bestellen kann und die auch das Inkasso übernehmen. Bei mir läuft alles über pictrs.com Ich muss mich um nix kümmern und die Qualität ist i.O.

    1. Das klingt gut, geht aber leider nicht, zumindest nicht bei „meinen“ Kindergärten. Eine Galerie für mehrere Kinder ist nicht zulässig, bei städtischen Kindergärten ist es sogar so, dass es gar nicht online laufen darf, nicht mal, wenn es pro Elternpaar einen passwortgeschützten Link gibt. Es ist schlicht und einfach nicht erlaubt, Bilder online zu stellen. Dadurch fällt auch pictrs.com oder Fotograf.de weg. Leider. Letzteres habe ich bei einem nicht-städtischen Kindergarten, bei dem es erlaubt war, getestet; aber wenn man das nur ein paar Mal im Jahr macht, sind die Kosten zu hoch, oder aber die Provision für Fotograf.de ist zu hoch, so dass die Eltern weniger bestellen. Ist sicher super, wenn man es mehrmals im Monat nutzt.

  7. Ich durfte 2014 gemeinsam mit einem zweiten Fotografen einen Kindergarten mit 80 Kindern fotografieren und die Luft schnuppern. Meine Erfahrung war nicht so schlimm wie deine. Gut es gibt Eltern die weniger Fotos nehmen als man dachte und das macht sich sofort auf den Verdienst bemerkbar. Jedoch habe ich akzeptiert, dass jeder Fotograf einen anderen Bildstil hat, der dann auch nicht allen Eltern gleichzeitig zusagt.
    Ich lese so oft von Fotografen mit Herz am rechten Fleck, dass sie keine Kindergartenfotos mehr machen und finde das sehr traurig. Als Vater von zwei Söhnen frage ich mich, ob wir wirklich das Feld den Fließbandfotografen mit hässlichen Backdrops und 1min/Kind-Taktung überlassen sollen? Dieses Jahr komme ich das letzte mal in den Genuss Fotos von einem „Kollegen“ abnehmen zu dürfen. Sollten sich darauf irgendwelche künstliche Accessoires befinden oder meinem Kind gar ein fremdes Kuscheltier in die Hand gedrückt werden, dann werde ich mich wohl auf das Gruppenbild beschränken.

  8. Liebe Annette,

    sehr schön auf den Punkt gebracht! Genau aus diesem Grund habe ich mich auch gegen die Kindergartenfotografie entschieden. Lohnt sich finanziell nicht und irgendwie macht es auch wenig Spaß mit Kunden, die Deine Arbeit nicht wertzuschätzen wissen. 🙂 Es ist immer etwas anderes, finde ich, wenn sie jemand direkt und bewusst für Dich als Fotografin entscheidet, als wenn Du jemandem „vorgesetzt“ wirst. Eigentlich ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, es allen recht zu machen. Trotzdem Hut ab, dass Du es mehrere Jahre versucht hast!

    Liebe Grüße aus Berlin,
    Leni

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