Relax oder: Eine Tür, die sich für mich nicht öffnet, ist nicht meine Tür.

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Ja, früher habe ich mich auch aufgeregt.

Über den Kollegen, der eine 12-Stunden-Reportage für 800 Euro anbot. Vor allem, wenn seine Fotos auch noch gut waren. Mein Hals schwoll, wenn jemand sich nach null echten Hochzeiten und einem Fotoworkshop auf Mallorca mit den Bildern der dort fotografierten Styled Shoots auf seiner Website als „International Wedding Photographer“ präsentierte und vor allem, wenn er oder sie damit auch noch Erfolg hatte. Ich bekam Plaque und sagte das auch, wenn ein Kollege mit zwei Vollformatboliden im Automatikmodus und mit Blende 8 eine Hochzeit abknipste und stolz seine Color-Key-Bilder in der Facebook-Gruppe zeigte.

Ich habe mich auch geärgert, wenn ein Kunde meine Fotos ohne Urhebernennung veröffentlichte. Oder wenn mir ein Brautpaar absagte, weil sie jemanden gefunden hatten, der die Reportage für 200 Euro weniger machte. Genau so, wie ich mich im Stillen über diejenigen echauffiert habe, die Bilder in Sepia haben wollten, Schwarzweißfotos in Farbe oder die es doof fanden, dass ich nicht alle Hochzeitsgäste pärchenweise in die Kamera grinsend abfotografiert hatte.

Und dann war da noch das permanente schlechte Gewissen. Die Website muss ständig aktualisiert werden, der Blog regelmäßiger befeuert, die Meta-Tags müssen durchdachter gesetzt und die Preise noch gewinnorientierter durchkalkuliert werden. Dazu kam das Feedback der Kollegen. Was, du berechnest nur 35 Cent pro gefahrenen Kilometer und rundest auch noch zugunsten des Kunden ab? Mann, bist du doof. Wie, du gibst alle Fotos einer Familienreportage komplett bearbeitet raus, auch wenn es 150 sind? Wie bescheuert, du könntest das Dreifache damit verdienen! Wie, du magst keine Messen? Als Profi muss man da schon hin, wie willst du sonst an Neukunden kommen? Und so weiter.

Nicht zuletzt habe ich mich auch noch latent über all die Dinge geärgert, die ich nicht ändern kann. Den Zwangsbeitrag bei der Handwerkskammer. Die vielen Steuern. Die Umsatzsteuer. Das viele Geld, das ich monatlich der Krankenkasse in den Rachen werfe, obwohl ich nicht mal Zeit habe, zum Zahnarzt zu gehen, wenn nichts wehtut. Vom Kunden abgesagte Shootings. Womit sich der Kreis wieder schloss, denn schließlich war ich selbst schuld und ein bisschen dämlich, weil ich kein Ausfallhonorar vertraglich vereinbart hatte, ja, weil ich überhaupt nicht auf die Idee kam, das zu tun.

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Irgendwann reichte es mir dann. Zunächst dachte ich, dass es mir mit der Fotografie langte. Oder zumindest mit der professionellen, für Kunden, für Geld. Aber dem war gar nicht so. Ich hatte nur keine Lust mehr, mich ständig zu ärgern, zu grämen und aufgeregt zu sein.

Irgendwann dachte ich mir: Scheiß drauf. Wenn einer eine 12-Stunden-Hochzeitsreportage mit guten Bildern für 800 Euro machen möchte, bitteschön. Er hat dann halt andere Kunden als ich. Nicht meine Kunden! Ich möchte Menschen fotografieren, die nicht nur gute Bilder wollen, sondern die GERNE fair dafür bezahlen und denen es nicht total egal ist, ob und wie ihr Fotograf davon leben kann. Die, denen das egal ist, können gerne zum Kollegen gehen. Ich bin ihnen auch nicht böse deswegen, aber es passt dann halt einfach nicht zwischen uns.

Und wenn jemand ein Foto, das ich gemacht habe, ohne Urhebernennung veröffentlicht? Meistens bin ich selbst schuld daran, weil ich nämlich vergessen habe, darum zu bitten. Weil es mir nämlich gar nicht so wichtig ist. Wenn jemand mein Foto wirklich so sensationell findet, dass er deswegen von mir fotografiert werden will, findet er auch ohne Nennung heraus, wer das Bild gemacht hat. Nur, dass die meisten Fotos gar nicht so sensationell sind, dass das der Fall wäre.

Und was ist mit dem Brautpaar mit dem Sepia-Faible? Nun ja, selber schuld. Also, ich. Da ist irgendwas beim Vorgespräch schief gelaufen. Wie sollte sonst jemand auf die Idee kommen, dass ich Bilder in Sepia bearbeite?

Und das mit den Messen … Da ich selbst Messen überhaupt nicht leiden kann und mich dort, egal ob als Besucher oder als Aussteller (der ich noch nie war) total unwohl fühle, ist die Wahrscheinlichkeit, dort auf Kunden zu treffen, mit denen ich auf einer Wellenlänge liege, nicht besonders hoch. Also: scheiß drauf. Nicht meine Baustelle.

Ich gebe zu, dass man sich diese Ist-mir-doch-wurscht-Attitüde leisten können muss. Und auch den „Mut“, sein Ding durchzuziehen, auf die Gefahr hin, erstmal weniger zu verdienen. Ich kann das (und ich bin nicht besonders mutig!), weil ich noch andere Job-Eisen im Feuer sowie etwas Erspartes auf dem Konto habe und zudem auch mal mit weniger Geld auskomme. Weil ich nicht nur Fotografin, sondern auch Mutter bin und von mir selbst somit nicht unbedingt einen Vollzeitverdienst erwarten kann und muss.

Insofern rede ich mich leicht.

Aber ich fühle mich auch so viel leichter, seit ich mich (fast) nicht mehr ärgere.

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3 Gedanken zu “Relax oder: Eine Tür, die sich für mich nicht öffnet, ist nicht meine Tür.

  1. Liebe Anette, das ist mal ein Ansatz, der mir gefällt! Anders ist dieser Job auch glaube ich nicht zu stemmen. Sonst endet man irgendwann wie die frustrierten Kollegen, die sich nur noch griesgrämig in den einschlägigen Facebook-Gruppen rumtreiben und zu allen kleinen und größeren Katastrophen des Berufsalltags ungefragt ihren Senf abgeben. Das schöne hingegen an deinem Ansatz (der auch meiner ist): man ist nicht nur deutlich entspannter unterwegs, sondern liefert auch bessere Arbeit ab. Weil’s ja mehr Spaß macht. Und das sieht man. Bin ich überzeugt. Liebe Grüße aus Berlin! Klaus

  2. Sehr schön geschrieben. Ich erwische mich auch regelmäßig bei diesen Gedanken. Und das obwohl ich die Fotografie nur nebenberuflich betreibe. Inzwischen nutze ich die gewonnene Zeit aber ganz bewusst um sie mit der Familie zu verbringen. Den diese Zeit kann man mit Geld nicht aufwiegen. 🙂

    Viele Grüße aus Offenburg
    Mario

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