Der Österreicher und die Russin

Darf ich vorstellen? Meine zwei Lieblingsobjektive, wenn ich Zeit und interessantes Licht habe. Der Österreicher, er hat’s erfunden, war Josef Maximilian Petzval, der 1840 das erste lichtstarke Portraitobjektiv auf den Markt brachte. Per Kickstarter wurde das außergewöhnliche Messingteil dann 2013 mit einer Brennweite von 85 mm neu gebaut und unter anderem für Nikon und Canon verkauft, für stolze 650 Euro. Und die Russin? Das ist die Helios-Linse, die ca. von den Fünfzigern bis in die Achtziger für die russischen Zenit-Kameras hergestellt wurde und die es heute für ca. 40 Euro bei eBay gibt. 58 mm ist die Brennweite, und die Offenblende ist wie beim Petzval 2.

Das Petzval passt direkt auf die Nikon, das Helios per M42-Adapter zum Beispiel auf meine Sony NEX. Gemeinsam haben beide Objektive, dass sie nur manuell funktionieren – also: kein Autofokus, keine Programmautomatik, kein A(V)- oder S-Modus. Man muss Blende, ISO, Belichtungszeit und Schärfe selbst einstellen.
Was ist nun das Besondere an diesen beiden Festbrennweiten? Nun, sie erzeugen einen speziellen, „analogen“ Look, die Schärfe ist nur in der Mitte des Bildes vorhanden und fällt zu den Rändern stark ab. Und das Wichtigste: Beide erzeugen ein ungewöhnliches, tunnelförmiges und je nach Lichtsituation verrücktes Bokeh (Unschärfe). Manche finden es matschig und kitschig, ich mag es total. Nicht für jeden Tag und jedes Motiv, aber ab und zu eingesetzt, entstehen sehr interessante, mystische Bilder.

 

Wichtig bei der klassischen Art, mit so einem Objektiv zu fotografieren – dem Portrait (egal, ob Mensch oder Blume) – ist der Hintergrund. Um das besondere Bokeh zu entfalten, braucht es Licht, das sich im Hintergrund bricht. Ideal ist Gegenlicht, das sich zum Beispiel in den Blättern eines Baumes bricht. Oder auch die Lichter einer Stadt in der Dämmerung. Ich fotografiere mit beiden Linsen ausschließlich mit Blende 2, da dann der Effekt am stärksten ist. Beim Petzval stellt man die Blende nicht per Ring ein, sondern schiebt Blendenscheiben mit unterschiedlich großen runden Öffnungen oben in einen dafür vorgesehenen Schlitz. Ich habe die kleinen Blendenringe weggepackt und nütze nur den größten für Blende 2.

Will man auch den Tunneleffekt erzielen, sollte im Hintergrund ein natürlicher Tunnel vorhanden sein – ein Weg oder ein Bach zum Beispiel, irgendeine Flucht.

Und wenn kein Vordergrund vorhanden ist, man aber einen toll geeigneten Hintergrund hat, kann man auch einfach absichtlich unscharf fotografieren. Die beiden New-York-Bilder sind so entstanden.

Man muss ein wenig ausprobieren und üben, um die geeigneten Motive und Gelegenheiten für einen Einsatz dieser Linsen zu finden. Aber wer gerne experimentiert und ganz nebenbei das manuelle Fotografieren vertiefen möchte, wird einen Heidenspaß mit dem Österreicher und der Russin haben.

Hier sind noch mehr Petzval-Beispiele.

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